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Die Metamorphische Methode und das Feminine

(Nachfolgend ein Auszug aus einem Vortrag, der auf der Mitgliederversammlung in Largs, Schottland im September 2005 gehalten wurde.)

Ich werde verschiedene Aspekte ansprechen, die sich alle auf dieses Thema beziehen und mich ihm von verschiedenen Seiten nähern: Nichtverhaftung, Prinzip der Entsprechung, Wassermannzeitalter, welches das feminine Zeitalter ist, und was das bedeutet, Einheit und Transformation, Information und Kenosis.

Wir müssen zugeben, dass der Kontext für all unsere Tätigkeiten wichtig ist. Für den Samen ist der Kontext die Erde, die als Katalysator agiert. Im Rahmen eines Kontextes kann etwas geschehen. Lassen Sie mich einen bestimmten Kontext anzeichnen: Der Kreis ist ein Kontext, genauso wie der Mutterschoß und das Universum. In die Mitte des Kreises setzen wir einen Punkt, der die Sonne repräsentiert. Die Strahlen der Sonne gehen überall hin, in alle Richtungen, nach oben, nach unten, zu den Seiten, nach hinten, nach vorn und so weiter. Es gibt ein Sufi-Lied mit den Worten: „Ich sehe Schönheit vor  mir, ich sehe Schönheit hinter mir, ich sehe Schönheit über mir, ich sehe Schönheit unter mir, ich sehe Schönheit um mich herum, meine Worte sind schön. Amen.“

Wie passen wir als Anwender in diesen Kontext? Wir erschaffen Matrizen, innerhalb derer Menschen sich bewegen können, im Besonderen die Matrix der Nichtverhaftung. Wir definieren Nichtverhaftung auf eine ganz bestimmte, sehr praktische Art und Weise, da theoretisch gesehen Nichtverhaftung unmöglich ist. Wenn ich ohne Verhaftung sein möchte, bedeutet das, dass ich eine Motivation habe, ein Ziel. Es gibt eine Richtung, auf die ich mich zu bewege. Ich bin damit verhaftet, etwas zu erreichen. Dadurch wird die Nichtverhaftung negiert. In der Praxis wird Nichtverhaftung folgendermaßen ausgedrückt: die Fakten bemerken, ihr Vorhandensein zur Kenntnis zu nehmen und sie so sein zu lassen, wie sie sind.  Diese Definition enthält lauter Infinitive. Das wichtigste Wort dieser Definition ist das Wort „sein“. Es ist das Sein eines Fakts, welches ihn von innen heraus verwandeln kann. Es ist nichts Äußeres.

Eine DVD könnte die Lebensgeschichte Ihres Klienten oder Ihre eigene repräsentieren – von der Empfängnis bis zum Tod. Oder sie könnte von Anfang bis Ende die Geschichte des Universums erzählen. Die Menschen kommen mit ihren Geschichten zu uns: „Ich leide an dem und dem“ oder „Ich habe wunderbare Erfahrungen mit dem Sehen von Licht“. Wir empfangen die Information und lassen sie auf sich beruhen. Wir steigen in ihre Geschichte nicht ein, weil wir uns dessen bewusst sind, dass es hinter der Geschichte etwas viel Größeres gibt, nämlich das Leben, welches sie sind, die Intelligenz, welche sie sind. Das Leben und die Intelligenz können die Geschichte nicht nur ändern sondern auch transformieren. „Ich bin im Moment sehr glücklich, mein Leben ist wunderbar.“ – „Oh, ja, na und?“ Wir interessieren uns nicht für das Glücklichsein der Menschen oder für ihr Wohlgefühl. Wir interessieren uns für etwas sehr viel Tieferes. Die kleine Raupe kann glücklich sein und gemütlich große, dicke, grüne Blätter auffuttern. Das interessiert uns nicht, denn wir wissen, sobald sie sich in einen Schmetterling verwandelt, werden die grünen Blätter und die Zufriedenheit nicht mehr da sein. Das Glück und die Spiritualität einer Raupe sind irrelevant in Bezug auf die Transformation. Die Raupe hat vielleicht 50 Jahre lang Yoga studiert und beherrscht jede Menge asanas, aber das wird keine Transformation bewirken. Trotz aller Übungen ist die Raupe Raupe geblieben. Aber eines Tages wird von innen ein Auslöser aktiviert werden, und die Raupe verwandelt sich in einen Schmetterling. Was uns interessiert, ist das Wesen dieses Auslösers und seine Einordnung in den großen Plan.

Das Wassermann-Zeitalter

Wir öffnen uns für etwas ganz Außergewöhnliches mit diesem neuen Zeitalter, in dem eine neue Weltordnung des Friedens und der Harmonie sich verankern kann (begleitet von Bewegungen des Kampfes und des Schmerzes, die der Verstand stärkt, um seinen Hunger nach Kontrolle und Macht zu befriedigen). Wir Menschen können voll und ganz erkennen, dass wir kosmische Wesen sind und - in einem erhöhten Bewusstseinszustand - die fundamentale Wahrheit der Einheit allen Lebens erfahren. Unglücklicherweise wird dies als eine „Himmelfahrt“, eine Aufstiegsbewegung, betrachtet. Wenn wir aufsteigen, bedeutet das, dass wir von hier nach da gehen. Das ist immer noch das alte dualistische Modell: von einem Punkt zum anderen. Als Anwender sind wir daran nicht interessiert. Im Wassermann-Zeitalter geht es nicht um Aufstieg. Es geht darum, durch das, wer wir sind, zu erkennen, was wir sind. Wir sind dieses Leben, diese Intelligenz. Es ist nicht so, dass wir Intelligenz haben, dass wir Leben haben, wir sind es. Wenn eine Mutter fühlt, dass sie schwanger ist, ist sie eins mit dem Leben, welches sich in ihr entwickelt. Da gibt es keine Trennung.

Mit dem Wassermann-Zeitalter kommen wir in das feminine Zeitalter - was bedeutet das? Es ist wichtig, dies im  Kontext von  maskulin und feminin zu sehen. Der maskuline Aspekt in jeder/jedem von uns ist der Aspekt, der neue Ebenen des Seins auslöst - das afferente Muster, d.h. die Fähigkeit, bewusst zu sein. Das Bewusstsein löst also das Erscheinen neuer Ebenen aus. Der feminine Aspekt ist derjenige, der das, was ausgelöst worden ist, willkommen heißt, um es zur Reife zu bringen und wieder gehen zu lassen. Das ist das efferente Muster: die Fähigkeit zu antworten/zu reagieren. Es ist jedoch wiederum der Magnetismus des Femininen, der den Auslöser des Maskulinen anzieht, das auslösende Bewusstsein. Wir sprechen z.B. von Himmel und Erde. Der Himmel kann mit dem Maskulinen verglichen werden und die Erde mit dem Empfänglichen, dem Femininen.  Mit dem Wassermannzeitalter bewegen wir uns im Moment in ein Mutterleib-ähnliches kosmisches Feld hinein, in ein feminines Zeitalter, dem Zeitalter der Verantwortlichkeit, der Fähigkeit zu reagieren.  Deshalb ist die Matrix der Nicht-Verhaftung so wichtig, wenn wir dieses Zeitalter völlig erfassen möchten.

Wenn ein Klient zu einer Sitzung kommt, sind wir einfach da, so wie die Erde für den Samen da ist. Ist die Erde fruchtbar, können die Wurzeln gute Nahrung für die Pflanze aus ihr ziehen. Es ist nicht die Erde, die diese Nahrung gibt, es sind die Wurzeln, die sie nehmen. Das gleiche gilt für den Anwender. Wie die Erde agieren wir als Katalysatoren. Wir sind nicht dafür da, irgendetwas zu geben außer der Sitzung selbst. Wir sind einfach dafür da, dass von uns genommen wird. Dann ist es unsere Aufgabe, zuhause, im Hause unseres Seins zu bleiben. Denn wenn wir die Idee haben, den Klienten zu helfen oder etwas für sie zu tun, sind wir nicht länger bei uns und sie können nicht von uns nehmen. Während sie von uns nehmen, füllt sich uns unsere eigene Lebenskraft hundertfach wieder auf, und zieht ständig außergewöhnliche Geschenke für uns an. Das geschieht in einem solchen Maße, dass neue Wahrnehmungsfelder erweckt werden...

Sobald wir geboren werden, beginnen die Sinne sich wie Blumenblätter, die von der Sonne gewärmt werden, zu öffnen. Drei Dinge geschehen im Bereich der Wahrnehmung: es gibt eine externe Quelle, eine Aktivierung von außen, die unsere Sinne anspricht; daraufhin läuft im Gehirn ein Prozess ab. Also drei Dinge: externe Quelle, Organ und innere Verarbeitung dieser Quelle. Als Babys haben wir eine ungeheure Menge von Rezeptoren, über die wir Informationen aus den unterschiedlichsten Quellen empfangen. Nach einer Weile werden bestimmte Quellen als weniger wichtig angesehen als andere, z.B. die Stimme der Mutter und das Gehaltenwerden durch den Vater. Die Rezeptoren, die nicht benutzt werden, verkümmern. Wir haben jedoch auch die Fähigkeit, neue Rezeptoren, jenseits der Sinne, zu öffnen, indem wir direkt von den Quellen, aus denen die Aktivierung kommt, zu den Rezeptoren im Gehirn gehen, so dass wir auf das, was wir aufnehmen, direkt reagieren können, ohne notwendigerweise die fünf Sinne zu gebrauchen.

Im Moment werden wir mit neuen Informationen überschüttet. Information ist extrem wichtig.  Warum ist das so? Drehen wir dieses unbeschriebene Blatt Papier zu einem Kegel. Wir können den spitzen Punkt des Kegels mit dem Urknall oder dem Anfang des Universums vergleichen. Danach expandierte das Universum, wie wir an diesem Kegel sehen. Das Universum ist jedoch weder in diesem Kegel noch außerhalb davon. Nach der neuen physikalischen Theorie können wir das Universum mit der Membran des Kegels vergleichen. Wir leben also auf der Membran von etwas, was weder innen noch außen existiert. Existenz ist die Membran. Sie hat einen Anfang und ein Ende und befindet sich in der Dualität. Zwei Punkte: vom Anfang des Universums bis heute, daher Dualität, Zeit und Raum. Ein Raum hat drei Dimensionen: Breite, Tiefe und Höhe und auch eine Kontinuität in der Zeit. Sobald der Urknall da war, gab es Zeit und Raum, aber wo war die Materie? Materie ist Energie, die als Raum verdichtet und als Zeit ausgedehnt ist. Es gibt die Kontraktion, die letzten Endes im Nullpunkt ausgedrückt wird, und es gibt die Ausdehnung, die im Prinzip der Entsprechung beschrieben ist - die Node und Anti-Node in den Worten der Physik. Schwingung kann mit einer Welle verglichen werden. Wellenkamm und -tal sind beide eine Expansion, Anti-Noden. Die Kontraktion befindet sich auf halbem Weg zwischen Höchst- und Tiefstpunkt, also an der Stelle, an der die Welle umkehrt. Dieses Phänomen nennt man Kenosis, ein „entäußern“. (Das Wort Kenosis wird normalerweise in dem Begriff „göttliche Kenosis“ gebraucht und bedeutet ein Aufgeben der Form, eine Entäußerung -  wie Christus, der durch seine Inkarnation zumindest in Teilen seiner göttlichen Natur selbst entsagte.)

Die göttliche Kenosis tritt ein, wenn das WORT oder der LOGOS vernichtet wird, um sich als Materie zu inkarnieren, so wie es in der Schöpfungsgeschichte erwähnt wird: „Am Anfang war das Wort und das Wort war Schwingung...“

Ein anderes Beispiel des Entäußerns wird deutlich, wenn Sie eine Eieruhr nehmen und aufrecht hinstellen. Der Sand läuft durch die schmale Öffnung in der Mitte. Die schmale Öffnung ist eine Illustration von Kenosis. Sie repräsentiert die Entäußerung. Wenn Sie die Eieruhr horizontal hinlegen, stoppt der Sandstrom. Mit anderen Worten: der Übergang zwischen Zukunft und Vergangenheit ist vorübergehend unterbrochen.

Warum erwähnen wir dies? Wenn wir als Anwender von anderen Menschen aufgesucht werden, berücksichtigen wir nur eins: die Tatsache, dass sie am Leben sind und dass dieses Leben Intelligenz ist. Wir interessieren uns in keiner Weise für ihre Geschichte. Wir nehmen ihren Fuß auf unseren Schoß und berühren ihn.  Womit kommen wir dadurch in Berührung? Nicht nur mit dem Fuß, der – nach dem Prinzip der Entsprechung – auf allen Ebenen reflektiert, wer diese Person ist: physisch, mental, emotional, energetisch und verhaltensbezogen. Dies bedeutet, wir können die Füße wie ein offenes Buch lesen, und mehr noch, wir können den ganzen Menschen erkennen. Aber es ist weit mehr als die Person, die sich im Fuß reflektiert, es ist die gesamte Geschichte des Universums vom Anfang bis heute. Und auch das, was war, bevor das Universum zu existieren begann. Auf dem Schaubild mit den Füßen und dem Pränatalen Muster wird dies auf der Ebene der Vorempfängnis dargestellt. Ein Stuhl z.B. nimmt einen Platz im Raum ein, hat eine Dauer in der Zeit und besteht aus Materie. Aber er wurde für eine Aufgabe erdacht, und es gab einen Entwurf, bevor der Prototyp hergestellt wurde. Die Vorempfängnis bezieht sich also auf die Abstraktion des Stuhls, wir können diese nicht aus dem Stuhl lösen ohne den Stuhl zu zerstören. Den Moment, in dem Aufgabe, Gedanke und Entwurf bei der Herstellung des Prototypen zusammenkamen, können wir mit dem Moment unserer Empfängnis vergleichen. Diese Ebene der Vorempfängnis macht 96% unserer Gesamtheit aus. Das, was dann hier erscheint, sind nur 4%. Dieser Körper und das gesamte Universum sind 4% dessen, was ist. Diese Proportionen stammen von Wissenschaftlern, die die Masse des Universums berechnet haben. Masse ist die Menge an Energie, die benötigt wird, um ein Objekt aus einem Zustand der Ruhe in Bewegung zu versetzen und zu halten. Die Wissenschaftler erkannten, dass das physische Universum 4% der berechneten Masse des Universum ausmacht. Das bedeutet, dass uns 96% des Ganzen zur Verfügung steht. Warum es nicht nutzen?

Wenn wir Sitzungen geben, halten wir uns selbst heraus und die Lebenskraft eines Menschen zerstört dessen Muster, wenn sie deren Energie umwandelt. Bei jeder Transformation kommt es zu einem Tod. Man könnte sagen, dass sie durch die Kenosis gehen, durch das Nadelöhr. Betrachten wir mal den Treffpunkt der zwei Hemisphären des Gehirns. Es gibt eine Leere, durch die die zwei Hemisphären kommunizieren und ein Gleichgewicht finden. Diese Leere befindet sich nicht nur zwischen den zwei Hemisphären des Gehirns sondern auch zwischen dem alten Gehirn und dem Neocortex.  Es kommen also vier Teile des Gehirns an einem Nullpunkt zusammen. Und genau an diesem Nullpunkt können wir Zugang zu den 96% finden, die wir sind.

Wenn Menschen zu uns kommen, nehmen wir deren Fakten einfach zur Kenntnis und lassen sie auf sich beruhen, ohne zu versuchen, irgendetwas damit zu tun, denn wir erkennen, das die Kraft des Faktes selbst ausreicht, um ihn von innen heraus zu verwandeln – genauso wie die Kraft des Faktes „Eichel“ diese  in eine Eiche verwandeln kann,  wenn die Eichel lebendig ist. Das gleiche gilt für den Fakt einer Raupe, der Kraft des Faktes „Kopfschmerz“, die Kraft des Faktes eines Glücksgefühls. Wenn es zur Transformation kommt, gibt es dabei immer eine transzendentale Entwicklung von der einen Ebene hin zu einer viel feineren Ebene - eine Eichel wird eine Eiche hervorbringen, die wiederum tausende von Eicheln produziert. Das elementare Bewusstsein einer Raupe auf der Oberfläche eines Blattes ist zweidimensional. Sie verwandelt sich in einen Schmetterling, welcher ein viel-dimensionales Raum-Bewusstsein hat. Sperma und Ovum, welche zwei in sich unvollständige Zellen sind, treffen aufeinander und sterben; die Energie, die so frei wird, manifestiert die Zygote, den Anfang eines Menschen mit einem Bewusstsein, welches viel feiner ist als das elementare Bewusstsein der zwei ursprünglichen Zellen. Wenn es zur Transformation kommt, dann, ich wiederhole, kommt es zu einer transzendentalen Entwicklung, z.B. vom Gefühl des Neides zur Großzügigkeit zum Überfluss zum Mitgefühl. In der Matrix der Nichtverhaftung, welches die Matrix der Liebe ist, verwandelt sich das Glück in Freude, welche sich dann auch in Glückseligkeit verwandelt kann, wenn das Bewusstsein den Fakt nur beobachtet und auf sich beruhen lässt.

Gaston Saint-Pierre

© Gaston Saint-Pierre / Dezember 2005
Übersetzung: Christine Pieler und Karin Monte

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