Artikel
Präsenz
In deiner Präsenz gibt es keinen Anfang und kein Ende,
nur eine entleerte Abwesenheit, ein Nirgends, an dem es keine
Leere gibt, eine Verneinung der Formlosigkeit. Und dennoch sind
Materie und Formlosigkeit, Raum und Raumlosigkeit, Zeit und Zeitlosigkeit
darin enthalten. Der Verstand sagt: „In deiner Präsenz
... “ als ein Mittel, um sich die Intelligenz selber anzueignen,
indem er sie absondert. Wenn es ein „dein“ gibt,
kann es auch ein “mein“ geben. Wenn es Raum- und
Zeitlosigkeit geben kann, dann - denkt der Verstand - kann dem
Formlosen Form gegeben werden, als ob die Möglichkeiten
des Verstandes zu einer Präsenz, die gedacht ist, Präsenz
ersetzen könnte.
Erfahrung, erlerntes Wissen: nichts als Spuren, die sich in
der Atemlosigkeit der Gegenwart verlieren, Gedächtnis, das
an seiner vielfältigen Struktur festhält, um den Fortschritt
von der Dunkelheit ins Licht sicher zu stellen, von der Ignoranz
zum inneren Wissen, von der Abwesenheit zur Anwesenheit. Aber
Metamorphose spottet all dieser Versuche, denn nichts kann erreicht
werden. Es gibt kein von hier nach da, von dann bis jetzt, keine
Kontinuität der Präsenz, denn Präsenz ist für
immer und ewig präsent, ein Geschenk, das nicht gegeben
werden kann.
Sei Freude, Aktion, Wahrheit, Schweigen, Ruhe ganz in der senkrechten
Achse, so dass die Sphären ihre Seinsfülle enthüllen
können. Sei licht und erkenne die flüchtige Qualität
der Aspekte des Seins. Lebe mit der Zweideutigkeit der Erscheinungen
und beziehe dich dennoch mit schwereloser Intensität auf
die strukturlosen Gerüste der Schattierungen und Schatten,
der Echos und der Harmonik in der mühelosen Zäsur zwischen
präsent sein und Präsenz. Sei still in schwer fassbarem
Schweigen und wisse, es gibt keinen Übergang und kein Ausweichen,
nur Unmittelbarkeit.
Sei nicht der Körper, der vom Leben seine Erhaltung einfordert,
sondern derjenige, der die Fülle des Lebens bestimmt. Sei
nicht der Verstand, der die Vortrefflichkeit der Gedanken sucht,
denn diese sind immer noch maskierte Materie, sondern derjenige,
der in der Herausforderung des eigenen Endes jubiliert. Sei nicht
die Emotion, die die Richtung gewährleistet, sondern derjenige,
der keinen Umkreis und kein Zentrum kennt. Und - mit unendlicher
Zärtlichkeit - lade sie alle zu dem festlichen Kraftmahl
ein, bei dem die Messer, Gabeln und Löffel, die Finger,
Zehen und Nebenhöhlen eine dimensionslose Agape erahnen
lassen, die von der Präsenz zu ihrem eigenen Vergnügen
ersonnen wurde.
© Gaston Saint-Pierre
Juni 2004
Übersetzt von Christine Pieler und Karin
Monte,
www.wegdermitte.de < zurück zu anderen artikeln
|
 |